Rundbrief Oktober 2026
An die Mitglieder, Freunde und Förderer der Luther-Gesellschaft Zum Reformationstag 2026
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitglieder der Luther-Gesellschaft,
mit dem letzten Rundbrief hatten wir zur Herbsttagung der Luther-Gesellschaft eingeladen, die sich im Ausgang vom Jubiläum von Luthers ‚Deutscher Messe‘ (1526) mit der reformatorischen Gottesdienstreform beschäftigte und mit den Impulsen, die von ihr in der Gegenwart ausgehen können. Die Herbsttagung liegt hinter uns; sie war ein voller Erfolg mit hochinteressanten Beiträgen und Diskussionen – die Zusammenfassung und viele der Beiträge werden Sie in den kommenden Heften der Zeitschrift LUTHER finden.
Das Reformationsfest begehen wir auch in diesem Jahr in bewegten Zeiten – außen- und innenpolitisch genauso wie kirchlich. Dabei muss man sich immer klar machen, dass die Zeiten in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts äußerst angespannt waren: zwar hatte der Kaiser Ende 1525 den Krieg in Norditalien gegen Frankreich mit der Schlacht von Pavia vorläufig für sich entschieden; der französische König hatte mit dem Vertrag von Madrid im Januar 1526 auf die oberitalienischen Gebiete verzichtet – aber er hatte diesen Verzicht sofort wieder für ungültig erklärt. Der Krieg ging bis 1529 weiter.
Die weiteren innen- und außenpolitischen Krisen zeigen sich in den Beschlüssen des Reichstags zu Speyer 1526: die Reichsstände verpflichteten sich dort zu einer Unterstützung Ungarns im Krieg gegen das Osmanische Reich. Allerdings wurde das ungarische Heer wenige Tage nach diesem Beschluss in der Schlacht von Mohács (27.8.1526) vernichtend geschlagen – ein Fanal in der jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich. Im Inneren des Reichs waren die Auseinandersetzungen mit den Bauern 1525 militärisch zu Ende gegangen, aber die Gründe für den Aufstand waren mitnichten beseitigt – auch dazu fasste der Reichstag Beschlüsse. Und das religiöse Fundament des Reichs war endgültig zerbrochen: der Reichstag stellt den Reichsständen die Regelung der Religionsangelegenheiten im eigenen Territorium anheim.
Man sieht daran: multiple Krisen gibt es nicht nur in unserer Gegenwart. Die Illustrationen Lucas Cranachs zur Lutherbibel von 1532 zeigen, dass diese Krisen, insbesondere auch sich häufende Naturkatastrophen als Zeichen des Weltendes gedeutet wurden, das die Christen – trotz aller Angst – im Vertrauen auf die Menschenfreundlichkeit des lenkenden Willens Gottes erwarten.
Diese Deutung der damaligen Gegenwart mit den Bildern der Apokalypse ist das eine. Sie ist aber begleitet von einem Ruf zur Vernunft, der Luthers Mahnungen für die Christen in dieser gefährlichen Zeit durchzieht. Nicht nur die Obrigkeit, sondern alle Christen in allen ‚Ständen‘ haben jeweils bestimmte Aufgaben, die sie zum Besten ihrer Mitmenschen wahrzunehmen haben. Heute wird eine Sozialethik natürlich nicht mehr mit festen Ständen und standesgemäßen Aufgaben rechnen. Aber es ist doch dies weiterführend: menschliches Handeln ist am Gemeinwohl orientiert. Diese Orientierung ist für die Reformatoren nicht spezifisch christlich, sondern sie ist jedem Menschen zugänglich, normiert durch die Menschenvernunft. Man mag diese Rede von ‚der‘ Vernunft, die allen Menschen gemeinsam ist, wegen der Unterschätzung kultureller Differenzen für überholt halten. Aber auch und gerade die Reformatoren wussten, dass Menschen nicht nur rational handeln, sondern unterschiedliche Kontexte und Interessen handlungsbestimmend sind. Das Insistieren auf ‚der‘ Vernunft ist in der Tat zutiefst optimistisch: ‚Vernunft‘ hat im Deutschen mit ‚Vernehmen‘, ‚Hören‘ zu tun. Im Griechischen – ‚Logos‘ – hat Vernunft mit dem ‚Wort‘ zu tun. Vernunft ist Reden und Hören: Gesprächsfähigkeit. Wer den Menschen als Vernunftwesen betrachtet, der hat die Erwartung, dass Menschen jenseits aller unterschiedlicher Interessen und Triebe und Kontexte und Sprachen und Kulturen etwas gemeinsam haben: die Vernunft, das heißt: die Fähigkeit zum Gespräch, in dem Interessen, Kontexte, Kulturen thematisiert und ausgeglichen werden können.
Das sollte die Aufgabe eines reformatorischen Christentums in der Gegenwart sein: nicht ein bestimmtes, normatives oder religiös begründetes Konzept von Vernunft einzufordern, sondern Gelegenheiten zum Gespräch jenseits der schweigenden oder schreienden Gewalt zu eröffnen – in der Erwartung, dass dies zur Verständigung führt. Um Vertrauen zu werben zum sine vi sed verbo – ohne Gewalt durch das Wort. Wo der Einsatz von Gegengewalt angesichts gemeinwohlfeindlicher Gewalt als ultima ratio (!) unvermeidbar ist, muss auch diese Gewalt gesetzlich kontrolliert erfolgen und immer als Appell an die Vernunft, als Ruf zur Vernunft, zum Gespräch gestaltet werden.
Eintreten für das gewaltfreie Gespräch: in der Wissenschaft, in der Kirche, in der Gesellschaft, in den Parlamenten und im Miteinander von Staaten und Kulturen. Im Gespräch ist der andere nicht ein zu überwindendes Hindernis, sondern im Verlauf ein Gesprächspartner. Reden muss und kann man mit allen und in allen Differenzen. Auch möglicherweise unvermeidliche staatliche Grenzziehungen müssen den Raum zum Gespräch eröffnen.
Die heutigen Krisen sind bedrängend; das waren auch die damaligen. Und die damaligen Zeiten waren mitnichten erfolgreicher im Vermeiden von Gewalt als unsere. Aber dass die Macht Gottes sich in der Menschwerdung seines Wortes zeigt – diese Grundbotschaft der Reformation lässt nachdenklich werden im Blick auf das Verhältnis von Gewalt und Wort auch unter den Menschen.
Ein gesegnetes Reformationsfest wünschen
Ihre
| Prof. Dr. Notger Slenczka | Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt |
| Erster Präsident | Zweite Präsidentin |
