Rundbrief Juni 2026
An die Mitglieder, Freunde und Förderer der Luther-Gesellschaft 4. Juni 2026
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitglieder der Luther-Gesellschaft,
am Ende des letzten Rundbriefs zum Reformationsfest 2025 haben wir bereits zur Herbsttagung dieses Jahres 2026 eingeladen; diese Einladung wiederholen wir jetzt zu Beginn dieses Briefes zur Jahresmitte. Das Thema der Tagung wird der Gottesdienst sein: die von allen Reformatoren verfolgten Bemühungen um eine angemessene – sachgerechte und verständliche – Gestaltung des Gottesdienstes. Und die Frage nach dem Umgang mit der ‚Krise des Gottesdienstes‘ in der Gegenwart. Denn die Luther-Gesellschaft verfolgt kein museales Interesse, sondern erinnert die Einsichten der Reformation angesichts der Aufgaben, vor die die lutherischen Kirchen in der Gegenwart gestellt sind.
Mit der Anfang 1526 erschienenen „Deutsche Messe und Ordnung Gottisdiensts“ wollte Luther den überlieferten Messgottesdienst an den Kriterien der reformatorischen Theologie orientieren. Er erfindet keine neue Gottesdienstordnung. Vielmehr modifiziert er die herkömmliche Ordnung so, dass sie sich als Medium des Evangeliums eignet.
Luther gesteht zu, dass es in der Freiheit der Christen liegt, die bestehenden Ordnungen nach Belieben zu ändern. Aber er plädiert auch dafür, Rücksicht zu nehmen auf diejenigen, die an der alten Ordnung hängen und die eine zu radikale Änderung in Gewissensnöte bringt. Mit der Reform der Gottesdienstordnung wird nicht einfach der Glaube an das Evangelium durchgesetzt, sondern es ist mit Ernst liebevoll Rücksicht zu nehmen auf den ‚Schwachen‘ (1 Korinther 10, 25-27; Römer 14).
Das war vor 500 Jahren. Unbestreitbar stehen wir in der Gegenwart vor der drängenden Aufgabe, über die Gestalt und Gestaltung unserer Gottesdienste nachzudenken: zu bedrängend sind die abnehmenden Teilnehmerzahlen und die rapide schwindende Akzeptanz des Gottesdienstes gerade bei jüngeren Menschen, als dass man einfach weitermachen könnte wie bisher. Ich beobachte bei mir selbst, dass die Bindekraft des Gottesdienstes und das Bedürfnis, den Sonntagsgottesdienst mitzufeiern, deutlich schwächer wird – die Coronazeit war da, jedenfalls in meinem Leben, ein entscheidender Brandbeschleuniger.
Damit stehen wir vor der gegenwärtigen Relevanz der Reformbemühungen Luthers und seiner Mitstreiter: Welche Impulse für eine Reform des Gottesdienstes gibt es in der Gegenwart, in der sich erneut die Aufgabe stellt, den Gottesdiensten eine nachvollziehbare, als relevant und ansprechend erfahrene Gestalt zu geben. Eine verständliche deutschsprachige Messe – das war Luthers Antwort. Einprägsame Lieder mit Volksliedmelodien – das war Luthers Antwort. Wo und wie nehmen wir heute die Freiheit der Gestaltung in Anspruch, die Luther betont hat. Dabei gibt es durchaus positive Impulse: Das ‚Evangelische Gottesdienstbuch‘ hat in den 80er und 90er Jahren in sehr gelungener Weise, so scheint mir, sehr unterschiedliche religiöse Bedürfnisse und Sprachkulturen auf eine Gemeinsamkeit hin strukturiert. Aber wie sieht in der Gegenwart eine Gestalt des Gottesdienstes aus, die Freiheit und Rücksicht, Gegenwartsrelevanz und Kontinuität verbindet, die gegenwärtig ansprechend ist und die große Tradition nicht vergisst, sondern übersetzt?
Die Tagung zum Gottesdienst ist nicht einfach Erinnerung. Sie wird sich auch nicht mit der Erwartung belasten können, nun alle Probleme zu lösen. Die hochkarätigen Vorträge und Ihre Impulse in den Diskussionen sind ein Beitrag zur Klärung einer Frage: warum ist das Feiern des Gottesdienstes für viele Menschen in der Gegenwart kein Bedürfnis? Dass das im Laufe der Kirchengeschichte vermutlich selten anders war, ist kein Grund, diese Frage nicht zu stellen und Wege zum Umgang mit dieser Krise des Gottesdienstes zu finden.
Der Gottesdienst ist kein Gegenstand der Reflexion, sondern ein Vollzug. Daher feiern wir zum Abschluss der Tagung einen Gottesdienst nach dem Formular von Luthers Deutscher Messe.
Die herzliche Einladung zu dieser Tagung soll ausschließlich diesen Rundbrief bestimmen. Weitere Informationen aus der Gesellschaft im Rundbrief zum Reformationsfest!
Ich hoffe, möglichst viele von Ihnen bei der Tagung zu treffen. Bitte laden Sie in Ihren Freundeskreisen und Familien zu dieser wichtigen Tagung ein.
Seien Sie herzlich gegrüßt, auf Wiedersehen in Wittenberg
Ihre
| Prof. Dr. Notger Slenczka | Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt |
| Erster Präsident | Zweite Präsidentin |
