Aktueller Rundbrief
An die Mitglieder, Freunde und Förderer der Luther-Gesellschaft Zum Reformationstag 2025
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitglieder der Luther-Gesellschaft,
erneut ein Reformationsfest: die lutherischen Kirchen gedenken des Beginns der Reformation, der mit den 95 Thesen Luthers zum Ablass verbunden ist. Wie sich diese 95 Thesen zur reformatorischen Theologie Luthers und der Wittenberger Reformatoren verhalten, ist umstritten; jedenfalls ist deutlich, dass sich die Position Luthers und seiner Mitstreiter in den Jahren nach 1517 weiterentwickelt und geklärt hat.
Ein wichtiges Werkzeug dieser Fortentwicklung und Klärung waren theologische Auseinandersetzungen: erst waren das Streitgänge im gemeinsamen Rahmen der Papstkirche. Nach der Konsolidierung reformatorischer Territorien begannen Auseinandersetzungen innerhalb der reformatorischen Bewegung – etwa mit Thomas Müntzer, den Bauern, den Täufern, oder zwischen Luther und Zwingli. Und die wachsende Uneinigkeit zwischen Luther und Melanchthon führte dann zu den langen Auseinandersetzungen, die mit der Konkordienformel beigelegt wurden.
Zuweilen werden die theologischen Streitgänge negativ gewertet und als Folge der Abkehr von der kirchlichen Einheit dargestellt. Dann gilt als das Ideal der Kirche die Einigkeit Gleichgesinnter. Die Auseinandersetzung, der Streit gilt dann als illegitim: eine Störung dieser Einheit.
Man kann das auch anders sehen: der Streit, die Debatte, die Auseinandersetzung ist der Weg zur Wahrheit. Menschen irren. Auch Konzilien, Päpste und reformatorische Theologinnen und Theologen können irren. Niemand kann sicher sein, dass er nicht irrt. Die Kritik, der Widerspruch, der sich gegen unsere und gegen andere Positionen erhebt, ist etwas Positives. Er bietet die Chance, die eigenen Einsichten zu überdenken, sich durch Argumente erstmals oder noch einmal in Frage stellen zu lassen. Und am Ende wird man nach reiflicher Überlegung die eigene Position aufgeben, sie vielleicht auch modifizieren oder aber an ihr festhalten.
Die Auseinandersetzung, die Kritik, der Widerspruch, der Streit ist der Weg zur Wahrheit. Das gilt für die Kirche. Und das gilt übrigens auch für die Gesellschaft: ohne Streit keine Wahrheit.
Es kommt nicht darauf an, den Streit zu vermeiden. Sondern es kommt darauf an, ihn ordentlich und in guten Formen zu führen: ohne Gewalt natürlich. Aber auch ohne die Diffamierung der Kontrahenten. Sachorientiert. Selbstkritikfähig. Ohne einer Debatte auszuweichen. Und mit dem Ziel, den Kontrahenten nicht zu vernichten oder zu beschämen, sondern zu überzeugen. Und mit der Bereitschaft, sich überzeugen zu lassen. Nur wer sich in Frage stellen lässt, kommt der Wahrheit näher.
Auch Luthers 95 Thesen waren Thesen für eine akademische Disputation, für eine argumentative Auseinandersetzung. Die Luther-Gesellschaft erinnert an die Einsichten, die Luther in dieser Debatte vertreten hat. Das ist aber nur eine Seite ihrer Aufgabe. Sie fragt nämlich darüber hinaus nach der gegenwärtigen Relevanz dieser Einsichten Luthers und der Wittenberger Reformation in den kirchlichen und gesellschaftlichen Streitigkeiten der Gegenwart: sind die damaligen Einsichten für unsere Gegenwart so bedeutsam, dass es sich lohnt, für sie einzutreten?
Diese Aufgabe erfüllt die Luther-Gesellschaft in ihren Publikationen: LUTHER und Lutherjahrbuch. Und sie erfüllt sie durch das Angebot von Tagungen, meistens im Herbst, auf denen die Einsichten der Reformation erinnert und für die Gegenwart zur Diskussion gestellt werden.
Die nächste Tagung findet vom 25. bis 27. September 2026 in Wittenberg statt. Unter dem Thema: „Evangelischer Gottesdienst. 500 Jahre Deutsche Messe“ gehen wir der Geschichte und der Gegenwart des evangelischen Gottesdienstes nach und werden zum Abschluss der Tagung selbst einen Gottesdienst in Gestalt der Deutschen Messe feiern. Schon jetzt herzliche Einladung!
Gottesdienst – das ist schon darum ein in der Gegenwart wichtiges Thema, weil derzeit diskutiert wird, ob der Reformationstag seinen Status als gesetzlicher Feiertag verlieren soll, den er in manchen Bundesländern hat. Ein wichtiges Argument ist der Bedeutungsverlust dieses kirchlichen Feiertags, der sich im mangelhaften Gottesdienstbesuch zeigt. Wir sollten alle am Reformationstag in die Kirche gehen – nicht allein, um diesen Feiertag zu erhalten, sondern um zu dokumentieren, dass es Menschen gibt, denen diese Botschaft, die von Wittenberg ausging, das Leben hell und hoffnungsvoll macht.
Herzlichen Gruß,
Ihre
| Prof. Dr. Notger Slenczka | Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt |
| Erster Präsident | Zweite Präsidentin |
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