gegründet 1918 in Wittenberg

Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen

So wurden Luthers Worte am Ende seiner Rede auf dem Reichstag 1521 in Worms überliefert.

Diese Worte sind Zeugnis einer festen Gewissheit, einer standhaft vertretenen Glaubensüberzeugung. Vor Kaiser und Reich, unter Gefahr für Leib und Leben bleibt Luther bei seiner Lehre. Sein Gewissen ist in Gottes Wort gefangen, deshalb können menschliche Autoritäten, auch die Autorität der Kirche, des Papstes, der Konzilien, ihn nicht überzeugen.

Solche Standhaftigkeit, solch eine klare Position ist nötig, wenn Gott unsere Füße auf weiten Raum stellt. Im weiten Raum der vielfältigen Erfahrungen, der Gespräche mit vielen Menschen, der Begegnung mit anderen Kulturen und Religionen brauchen wir eine innere Gewissheit, die uns Orientierung gibt.

Auf der anderen Seite wächst solche innere Gewissheit nur im weiten Raum der Gotteserfahrung, der Begegnung mit seinem Wort, der Erfahrung, von ihm als gerecht angesehen zu werden.

Im Leben eines Christenmenschen gehört beides zusammen: die Gotteserfahrung des weiten Raumes und die Gewissheit, die Orientierung gibt: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir.

Luthers Reden in Worms

Am 3. Januar 1521 wurde in Rom die Bannbulle gegen Luther ausgestellt und Luther damit zum Ketzer erklärt. Das Schicksal Luthers und seiner Sache hing nun von der Stellung des Reichs ah. Der erste Reichstag, den der junge Kaiser Karl V in Deutschland abhielt, fand in Worms statt Die Fürsten, voran Friedrich der Weise, setzten durch, dass Luther zum Verhör eingeladen und ihm freies Geleit versprochen wurde. Obwohl Freunde ihm abrieten, ging Luther nach Worms. Am 17. April 1521 wurde Luther vor den Reichstag geführt. Der kaiserliche Orator (Sprecher) zeigte ihm seine Bücher und fragte, ob er anerkenne, dass dies seine Bücher seien, und ob er die darin enthaltene Lehre widerrufen oder auf ihr bestehen wolle. Luther antwortet: Zwei Fragen sind mir von der kaiserlichen Majestät vorgelegt worden: ob ich alle Bücher, die meinen Namen tragen, als meine anerkennen wolle, und ob ich diese verteidigen oder widerrufen wolle.

Darauf will ich klar und deutlich antworten: Die jetzt genannten Bücher erkenne ich als meine Bücher an. Zur zweiten Frage aber kann ich nicht in Kürze Antwort geben. Denn sie ist eine Frage des Glaubens und der Seelen Seligkeit. Deshalb wäre es gefährlich, wenn ich mich hier unbedacht äußern würde. Dies würde mir das Urteil Christi einbringen: "Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will auch ich verleugnen vor meinem himmlischen Vater." Deshalb bitte ich von der kaiserlichen Majestät untertänig Bedenkzeit, damit ich ohne Gefahr für meine Seligkeit auf die Frage richtig antworte.

Diese Bedenkzeit wird Luther gewählt. Am 18. April wird Luther erneut vor den Reichstag geführt Der kaiserliche Orator stellt ihm die gleichen Fragen. Luther erkennt seine Schriften an, und zwar unter der Voraussetzung, dass in ihnen beim Nachdruck nichts aus Alglist oder aus Versehen geändert wurde. Dann fährt er fort:

Meine Bücher haben nicht alle den gleichen Inhalt. In einigen habe ich vom christlichen Glauben und von guten Werken so christlich gelehrt, dass sogar meine Widersacher bekannt haben, sie seien nützlich, ja würdig, von christlichen Herzen gelesen zu werden. Selbst die päpstliche Bulle findet etliche meiner Bücher unschädlich, obwohl sie auch diese verurteilt. Warn ich diese Bücher widerrufen wollte, was würde ich dann tun? Ich würde als jemand dastehen, der die von ihm beschriebene, von Freund und Feind einmütig bestätigte Wahrheit plötzlich leugnen würde.

In einer zweiten Abteilung meiner Bücher werden das Papsttum und die päpstliche Lehre angegriffen. Denn von ihnen ist mit falscher Lehre, bösem Leben und ärgerlichen Erscheinungen die Christenheit an Leib und Seele verwüstet worden. Dies kann niemand bestreiten, zumal alle frommen Menschen darüber, klagen, dass durch die päpstlichen Gesetze und Menschenlehren die Gewissen der Christgläubigen beschwert und gequält worden sind. Wenn ich nun diese Angriffe widerriefe, dann würde ich die päpstliche Gewaltherrschaft unendlich stärken: Ich würde ihrem gottlosen Wesen nicht nur die Fenster, sondern auch Tor und Tür öffnen. Sie könnte dann noch viel freier wüten, denn sie könnte sich dann auf meinen Widerruf berufen Die dritte Gruppe meiner Bücher richtet sich gegen jene Personen, die die päpstliche Gewaltherrschaft verteidigt und meine Auslegung der gottseligen Lehre angegriffen haben. Gegen diese bin ich - das bekenne ich - manchmal etwas scharfer und heftiger vorgegangen, als es unter Christen richtig gewesen wäre. Ich mache mich nicht zu einem Heiligen; es geht jedoch nicht um meine Eigenarten, sondern um die Lehre Christi.
Deshalb kann ich auch diese Bücher nicht zurücknehmen. Würde ich sie widerrufen, so würde ich die päpstliche Gewaltherrschaft und ihre gottlosen Folgen unterstützen. Das Leiden des Volkes Gottes würde dadurch noch viel schlimmer als es jetzt schon zu beklagen ist. Für alle meine Bücher gilt: Weil ich nur ein Mensch, nicht Gott bin, darum kann ich sie nicht anders verteidigen als mein Herr und Heiland Jesus Christus. Dieser hat in seinem Verhör vor dem Hohenpriester Hannas, als dessen Knecht ihm eine Ohrfeige gab, geantwortet:

Habe ich übel geredet, so beweise, dass es böse war. (Job 18,22 f.) Wenn nun der Herr Jesus Christus, der wusste, dass er nicht irren konnte, bereit war, sich widerlegen zu lassen, und sei es von einem unbedeutenden Knecht, dann muss ich erst recht begehren, mich eines Besseren belehren zulassen.

Darum ersuche ich Eure kaiserliche Majestät, kurfürstliche und fürstliche Gnaden, und jedermann, er sei hohen oder niedrigen Standes, mir aus den prophetischen und apostolischen Schriften nachzuweisen, dass ich mich geirrt habe. Wenn ich überzeugt werde, geirrt zu haben, werde ich bereitwillig alle Irrtümer widerrufen; dann werde ich der Erste sein, der meine Bücher ins Feuer wirft.

Ich hoffe, damit habe ich gezeigt, dass ich genügend bedacht habe, welche Not, Gefahr und Zwietracht es in der Welt wegen meiner Lehre gibt. Daran hat man mich ja gestern nachdrücklich erinnert. Zu sehen, dass um des Wortes Gottes willen Zwietracht und Uneinigkeit entsteht, ist mir eigentlich eine große Freude, denn das ist die Art des Wortes Gottes, wie Christus selbst sagt: "Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert; denn ich. bin gekommen, den Menschen zu erregen gegen seinen Vater..." (Mt 10,34 f.)

So ist denn zu bedenken, wie wunderbar und erschreckend Gott in seinem Ratschluss ist. Vielleicht rühren die Versuche, Uneinigkeit und Zwietracht beizulegen, nur aus dem Vertrauen auf unsere Macht und Weisheit, so dass sie in Wirklichkeit eine Verfolgung und Lästerung des Wortes Gottes darstellen würden. Dies aber würde eine große Gefahr für Leib und Seele heraufbeschwören, nicht zuletzt für Anfang, Mitte und Ende der Regierung des jungen Kaisers Karl, auf dem - nächst Gott - eine große Hoffnung für unser Land liegt.

Das könnte ich mit vielen Beispielen aus der Bibel belegen: mit dem Pharao, dem König von Babel, mit den Königen von Israel: Sie alle haben sich in das größte Verderben gestürzt, als sie sich bemühten, aus eigener Kraft ihre Königreiche zu befrieden und zu befestigen. Denn Gott ist es, der die Witzigen in ihrem Witz und ihrer Klugheit ergreift und die Berge umkehrt, ehe sie es bemerken. (Hiob 5,13; 9,5). Deshalb ist es nötig, Gott zu fürchten. Ich meine nicht, dass ihr Fürsten meines Rats und Unterrichts bedürftig wäret. Doch habe ich geglaubt, dass ich diesen Dienst meinem lieben Vaterland, der deutschen Nation, schuldig gewesen bin.

Deswegen bitte ich untertänigst Eure kaiserliche Majestät, kurfürstliche und fürstliche Gnaden, sie möchten es nicht gestatten, dass ich durch übelmeinende Unterstellungen verunglimpft und bei ihnen in Ungnaden fallen würde. Der kaiserliche Orator antwortete auf diese Rede, Luther habe nicht zur Sache gesprochen. Vor dem Reichstag gehe es nicht um eine Disputation über Fragen, die längst vorher von Konzilien definiert worden seien, sondern um eine einfache Antwort "ohne Hörner und Zähne". Luther solle antworten, ob er widerrufen wolle oder nicht. Luther darauf: Weil Eure kaiserliche Majestät, kurfürstliche und fürstliche Gnaden eine einfache und richtige Antwort wünschen, so will ich sie auch ohne Hintergedanken geben: Überzeugt mich mit den Zeugnissen der Heiligen Schrift, oder mit öffentlichen, klaren und hellen Gründen, also mit den Bibelworten und Argumenten, die von mir beigebracht worden sind. Denn die Autorität von Papst und Konzilien allein überzeugt mich nicht, da sie offenkundig oft geirrt und gegen Schrift und Vernunft gestanden haben. Nur wenn mein Gewissen in Gottes Wort gefangen ist, will ich widerrufen. Denn es ist nicht geraten, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir, Amen.

Nach einem späteren Druck lauten die letzten Worte in Luthers Rede:

Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.

Zum evangelischen Kirchentag in Frankfurt/Main 2001

letzte Änderung: 23. April 2012