gegründet 1918 in Wittenberg

Berichte

Pfarrer und Pfarrhaus – Geschichte und Gegenwart

Tagung der Luther-Gesellschaft vom 9. bis 11. Mai 2014 in Eisenach

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In einer Zeit, in der der Umbruch in der Kirche förmlich mit Händen zu greifen ist, macht es Sinn, den Pfarrerstand und das Pfarrhaus, das seit Jahrhunderten einen entscheidenden religiösen, kirchlichen und gesellschaftlichen Kristallisationspunkt bildet, in den Blick zu nehmen.

Johannes Schilling (Kiel) wies eingangs auf die gute Resonanz der Pfarrhausausstellung hin, die im Herbst/Winter 2013/14 im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen war. Allerdings ist, so der Präsident der Luther-Gesellschaft, die Lebenswirklichkeiten nicht ausstellbar, da diese durch die gestaltende Kraft des Pfarrers ihren Ausdruck verliehen bekommt.

Als Vertreter der Eisenacher Superintendentin begrüßte Pfarrer Johannes Sparsbrod das Auditorium. Selbst aus einem Pfarrhaus stammend, gab er einen Einblick in die Situation eines DDR-Pfarrhauses. Er machte deutlich, dass dieses der Ort war, an dem Freiheit, Freude an Bildungsinhalten, die der Sozialismus nicht vermittelt, an Musik und Literatur zu finden war. So gab es im Pfarrhaus Bücher, die im DDR-Buchhandel nicht zu erwerben waren. Man freute sich über Besuche und Gespräche, abseits des Alltäglichen.

Unter dem Titel „Luther und die Anfänge des evangelischen Pfarrhauses im 16. Jahrhundert“ erklärte Christopher Spehr (Jena) zunächst, dass es Pfarrhäuser zwar schon vor der Reformation gegeben habe,  d a s Pfarrhaus aber eine „Erfindung“ der Reformation sei. Mit der Reformation wurde die Ehelosigkeit der Priester grundsätzlich in Frage gestellt. Während der Humanist Erasmus von Rotterdam, selbst Priestersohn, schon früh die Forderung nach der Priesterehe erhob, hielt sich Luther zunächst zurück. Noch 1519 sprach er sich für den Zölibat aus und befürwortete die Ehe allgemein zum Zweck der Hervorbringung und Erziehung von Kindern. Doch schon 1520 erhob er die Forderung nach Einführung der Priesterehe. Vor allem in der Adelsschrift verdeutlichte er dies anhand der Übertragung von Aussagen der Pastoralbriefe in die aktuelle Situation und dem Verweis auf die griechische Kirche. Seitdem versteht die evangelische Kirche den Pfarrerstand mit ihrer Aufgabe von Predigt und Sakramentsverwaltung funktional und nicht mehr sakramental. Priesterehen galt als reformatorische Taten und waren Skandale, meinte man doch auf altgläubiger Seite, dass die Kinder von Nonnen und Mönchen vom Antichrist und Dämonen seien.

Gesellschaftlich bedeutete die Eheschließung  der Pfarrer die Begründung einer bürgerlichen Existenz. Das Haus der Familie Zell in Straßburg kann als das erste Pfarrhaus im klassischen Sinn bezeichnet werden. Mit Katharina Zell wuchs ein neuer Frauentyp heran. Sie selbst verfasste als gebildete Bürgertochter nicht nur eigene Flugschriften, sondern übernahm auch sozialdiakonische Aufgaben. Spehr wies darauf hin, dass das evangelische Pfarrhaus die christliche Hausgemeinschaft exemplarisch darstellte.

Klaus Raschzok (Neuendettelsau) betrachtete das Thema „Pfarrhaus und professionsspezifische Lebenskunst“ aus der Sicht einer evangelischen Aszetik und Lebensführung. Einführend wies er unter dem Stichwort „Das Pfarrhaus als Metapher des evangelischen Pfarrberufes“ auf die Umbrüche hin, die bereits im 19. Jahrhundert mit der Verbürgerlichung des Pfarrerstandes begonnen und seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhundert sich beschleunigt haben. So sind berufstätige Ehefrauen inzwischen genauso selbstverständlich wie Stellenteilung, Frauen oder Singles im Pfarramt. Einzig die Frage von alternativen Lebensformen birgt noch Diskussionspotential. Das Pfarrhaus wird verstärkt zum Wohnhaus des Pfarrers, wenn die Residenzpflicht überhaupt noch wahrgenommen wird, daneben haben Gemeindehäuser zunehmend Funktionen von Pfarrhäusern übernommen. Für die Pfarrerschaft stellt sich verstärkt die Frage nach der Vereinbarung von Beruf und Lebensmöglichkeiten; dabei ist der Pfarrberuf der letzte Beruf, bei dem Wohnen am Arbeitsplatz gegeben ist und weder eine klare Abgrenzung von privater und dienstlicher Sphäre besteht noch eine geregelte Arbeitszeit. So ist eine professionsspezifische Lebenskunst von Nöten, in der auch exemplarisch Rückzugsorte vorhanden sein müssen.

Ausgehend von der These Manfred Josuttis´ aus dem Jahre 1979, dass das Pfarrhaus ein „privater Lebensbereich von großem öffentlichen Interesse“ darstellt, widmete sich der Referent dem Überblick über die aktuellen Pfarrhaus-Diskurse aus pastoraltheologischer, sozialwissenschaftlicher sowie kultur- und zeitgeschichtlicher Sicht. Weiterhin bot er Einblicke in den ethischen, kirchenamtlichen, berufsständischen und akademisch praktisch-theologischen Diskurs. Die weiterhin aktuelle Funktion und Bedeutung sieht Raschzok darin, dass es sich bei dem Pfarrhaus um eine symbolische Lebenswelt als integrale Lebensform handelt, die sich zwischen den Aspekten Privatisierung von Religion und Professionalisierung des Pfarrberufes bewegt. Das Pfarrhaus hält als öffentlicher Lebenswelt das zusammen, was in Wirklichkeit auseinander geht. Es setze damit den Zwängen von postmoderner Berufstätigkeit etwas entgegen, nämlich die exemplarische Einheit von Leben und Arbeiten.

Einem literarischen Aspekt des Themas widmete sich Klaus Fitschen (Leipzig) mit seinem Vortrag „Jochen Klepper und das evangelische Pfarrhaus“. Im Leben Jochen Kleppers ist die Verbindung von Frömmigkeit und Wissenschaft, die er im Pfarrhaus seines Vaters vermittelt bekam, erkennbar. Klepper war gebildet und musisch empfindsam. Klepper sah sein eigenes Heim als eine Mischung aus Pfarrhaus und bürgerlichem Haus und verstand seine schriftstellerische Tätigkeit als Pfarramt.

Nach der von Michael Plathow (Heidelberg) gestalteten Morgenandacht in der Nathan Söderblom Kapelle des Hauses Hainstein warf Klaus Weber (Altenkunstadt) einen Blick auf die „Herausforderungen an das evangelische Pfarrerbild und Pfarrhaus heute. Der Vorstandsvorsitzende des Verbandes evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland beschrieb zunächst die aktuelle Problemlage. Durch abnehmende Gemeindegliederzahlen und Einnahmen entsteht die Notwendigkeit, Gemeinden zusammenzulegen und die Anzahl der Pfarrhäuser zu reduzieren. Der Referent verdeutlichte, dass der Pfarrberuf die einzige Profession darstellt, bei der die Dienstwohnungspflicht erhalten geblieben ist. Dies wird zunehmend als Belastung empfunden, zumal mittlerweile eine Vielfalt von Lebensformen und Modellen im Pfarrhaus zu finden sind.

Martin Hein (Kassel), Bischof der Evangelischen Kirche  von Kurhessen-Waldeck verdeutlichte, dass das traditionelle Pfarrhaus als „Hort des modellhaft bürgerlich-christlichen Lebens vor Ort“ ausgedient hat. Seit der Öffnung des Pfarrberufs für alle gesellschaftlichen Schichten sind klassische Bildungsbürger nicht mehr die Mehrheit. Im Pfarrhaus gibt es längst „alternative Lebensstile aller Art“, wobei es dennoch seitens der Gemeinden diffuse Erwartungen an die Pfarrer gibt. Hein wandte sich gegen ein Verständnis vom Pfarrhaus als „Ort frommer Naivität oder anbiedernden Intellektverzichts“. Das Anliegen des christlichen Glaubens ist vielmehr weiterhin öffentlich und auf hohem Niveau zu vertreten. Wenn das Pfarrhaus auch kein Ort traditioneller Gelehrsamkeit mehr sein kann, so muss es doch ein „Ort zeitgemäßer

Intellektualität“ sein. Zugleich warnte Hein davor, dass die Kirche in Gefahr steht, ohne theologische Kompetenz in den Pfarrämtern lediglich ein Verein zur Pflege religiöser Geselligkeit und christlichen Brauchtums oder eine Sozialagentur ohne konkrete Handlungsmöglichkeiten zu werden. Pfarrerinnen und Pfarrer sind in der aktuellen Situation einer „Konkurrenz der Sinnangebote“ für die kirchliche Verkündigung unersetzbar. Ein lebhaftes Gespräch zwischen den beiden Referenten und dem Auditorium beschloss diesen Abschnitt der Tagung.

Am Samstagnachmittag fand eine Besichtigung des Pfarrhausarchivs in Eisenach statt, dessen Sammlungsbestände sich innerhalb des Landeskirchlichen Archivs in Eisenach befinden. Nach einer Begrüßung durch die Leiterin des Archivs, Frau Dr. Hannelore Schneider, folgte die Besichtigung der Archivräume. Das Thema der Tagung aufnehmend und vertiefend erläuterte der  Leiter des Pfarrhausarchivs,  Dr. Jochen Birkenmeier, das Konzept des neuen Pfarrhausarchives, das nach seiner Gründung zunächst in Wittenberg und seit 1952 im Cottaschen  Haus (Lutherhaus) in Eisenach untergebracht war und dort auch künftig seinen Ort haben wird.

Der Abend gehörte der Musik. Die Teilnehmer der Tagung nahmen am 369. Wartburgkonzert von DeutschlandRadioKultur teil. Auch im Hinblick auf die Tagung gab es ein Programm mit Vokal- und Instrumentalmusik der evangelischen Kirchenmusiker Heinrich Schütz, Johann Hermann Schein, Dieterich Buxtehude und Johann Sebastian Bach, dargeboten von La Chapelle Rhénane, einem hochkarätigen Ensemble aus Straßburg. Mit einem Gottesdienst in der Nikolaikirche klang die Tagung am Sonntag Jubilate aus.

Pfarrer Michael Lapp, Finkenweg 27, 63579 Freigericht-Somborn
michael.lapp@ekkw.de

letzte Änderung: 20. November 2015