gegründet 1918 in Wittenberg

Berichte

Das Kreuz Jesu Christi und das Heil des Menschen

Tagung der Luther-Gesellschaft e.V. vom 21. bis 23. September 2012 in Lutherstadt Wittenberg 

In der Mitte der Lutherdekade widmete sich die Luther-Gesellschaft mit ihrer Herbsttagung der Zentralaussage lutherischer und damit der christlichen Theologie. Unter der Überschrift „Das Kreuz Jesu Christi und das Heil des Menschen“ hatten sich 70 Interessenten am historischen Ort der Leucora in der Lutherstadt zusammengefunden.

Luther hat das Kreuz Christi in besonders radikaler Weise als das Zentrum des christlichen Glaubens herausgestellt und konsequent hinsichtlich der Bewältigung menschlicher Schuld ausgelegt. Diese Deutung des Kreuzes bei Luther ist dabei vielgestaltig und lässt sich nicht über einen einheitlichen dogmatischen Leisten schlagen.

Daher betrachtete die Tagung das Thema von allen Seiten der theologischen Disziplinen. Der Berliner Neutestamentler Jens Schröter wies darauf hin, dass nach 1. Korinther 1, 23 das Kreuz schon von Anfang an als Ärgernis oder Torheit angesehen wurde. Ein auf dem Palatin gefundenes antichristliches Graffiti beispielsweise verhöhnt Christus als gekreuzigten Esel. Dabei sind die Vorstellungen des Neuen Testamentes keinesfalls einheitlich. So greift das NT auf verschiedene Metapherbereiche zurück. Im Johannesevangelium werden keine kultischen Metaphern verwendet. Hier ist vom Weggehen, Erhöhung, Verherrlichung, Rückkehr zum Vater und dem bewahrenden Lebenseinsatz für die Seinen die Rede. Wieder anders sieht es der Hebräerbrief.

Nach der neutestamentlichen Grundlegung des Themas folgte am nächsten Tag die theologiegeschichtliche Fokussierung, in der sich die Bonner Systematikerin Cornelia Richter Luthers Thesen in der Heidelberger Disputation von April 1518 widmete. Gottes Herrlichkeit lässt sich demnach in der Niedrigkeit Gottes schauen, die sich im Kreuz Christi manifestiert. Leben wird mächtig im Tod des Sohnes. In der Heidelberger Disputation bricht Luther mit der traditionellen Sündenlehre. Sünde ist nicht mehr moralisch zu verstehen, sondern erhält eine absolute Qualität: dem Menschen kommt Sünde grundsätzlich zu. Die Nähe und der Zuspruch Gottes wiederum zeigen sich durch das Kreuz hindurch.

Der Ablauf der Tagung war gut geplant. Nach zwei grundlegenden Referaten folgte eine 90 minütige Lektüre und Diskussionsarbeit in Gruppen. Jede Gruppe widmete sich einen von drei Texten, die sich dem Thema aus der Sicht unterschiedlicher Epochen näherte. Diskutiert wurden Abschnitte aus Anselm von Canterbury, Luthers großem Galater-Kommentar von 1531/35 und Klaus-Peter Jörns Buch „Notwendige Abschiede“. Nach dem Bericht aus den Arbeitsgruppen folgte am Nachmittag die Aktualisierung des Themas. Unter der Überschrift „Ist der Tod Jesu als Sühne zu verstehen“ disputierten der Marburger Systematiker Dietrich Korsch mit seinem Berliner Kollegen Notger Slenczka, bevor daran anschließend in einer allgemeinen Abschlussdiskussion die Verständnisprobleme und Chancen zum Thema „Was bedeutet der Tod Jesu heute?“ erörtert wurden.

Seinen feierlichen Abschluss fand die Tagung am Sonntag mit einem von Prof. Slenczka gestaltete Gottesdienst in der Schlosskirche. Diese hat als Kirche des Predigerseminars inzwischen fast wieder die Funktion wie zu Luthers Zeiten, als sie als Universitätskirche fungierte.

Das Thema der Tagung war dem Kernpunkt evangelischer Theologie gewidmet. In der Postmoderne wird es immer schwieriger Begriff wie Schuld, Sühne, Erlösung und Heil zu kommunizieren, das Kreuz Christi als Symbol des Glaubens verschwindet mehr und mehr aus der Öffentlichkeit. Die Luther-Gesellschaft hat mit dieser Tagung einen wichtigen Akzent im Vorfeld des Reformationsjubiläums gesetzt.

Michael Lapp

letzte Änderung: 22. September 2014