gegründet 1918 in Wittenberg

Reformationsspiel

(Kabarettgruppe "Männer für Toleranz")

B:     Ach, Herr Pastor, sind Sie zurück von Ihrer Missionsreise in die Sowjet-Union?

A:     Aber hören Sie mal, so lange war ich doch gar nicht weg! Man wird doch mal eine kleine diakonische Rundfahrt machen dürfen in die Gegend von Tschernobyl mit anschließend zwei Meditationswochen am Strand des Schwarzen Meeres?

B:     Ich will auch nicht sagen, dass wir Sie hier vermisst haben. Ich meine nur: Schön, dass Sie wieder da sind!

A:     Danke! Sie nehmen so regen Anteil am kirchlichen Leben unserer Gemeinde!

B:     Aber Herr Pastor, Sie humpeln ja! Ist Ihnen auf der Reise etwas zugestoßen? Haben Sie wieder keine Gefahren gescheut nach dem Motto "Angst allein macht nicht glücklich. Es darf auch ein wenig Schmerz dabei sein"?

A:     Sie scherzen wohl! Ich habe mir eine Zerrung im Kreuzbandbereich zugezogen (zeigt Gips). [Wenn das keine geistliche Leistung ist!]

B:     War das Ihre Hinfallibilität? Aber, aber! Wenn man sich ganz in Gottes Hände begibt, kann man doch nicht fallen!

A:     Nein, nein, bei der Rückkehr bin ich aus dem Reisebus gesprungen, "geliebte Heimat rufend", und schon war es passiert. Dabei sag ich doch sonst immer "watch your step. Pass auf auf deine Füße, sonst kann der nächste Schritt dein letzter sein!"

B:     Schade! Ich meine, schade, dass Ihnen das passiert ist! (Jedem Krüppel seinen Knüppel!) Tut mir echt leid für Sie. Und was soll nun aus unserer Gemeindearbeit werden, wo Sie doch sonst so mobil sind?

A:     Immerhin bin ich rechtzeitig zum Reformationsfest wieder da!

B:     Und jetzt fühlen Sie sich wie Martin Luther mit seinen 99 Prothesen, wie?

A:     95!

B:     Was?

A:     95 Thesen, nicht Prothesen, auch nicht Tresen oder Besen!

B:     Und ich dachte schon, das wäre wieder so ein Spruch, wo es heißt "die Kirche hat keine Hände, keine Beine und Füße, ja kein Gehirn außer euch, liebe Christen! Darum strengt euch mal hübsch an, lauft schneller, arbeitet ehrenamtlich und denkt für eure Gemeinde, die nicht laufen, schuften, denken kann!" Wir sind ja, wie es so schön heißt, die "Glieder" der Kirche! Heute brauchte die Kirche doch Prothesen mehr denn je!

A:     Ich wiederhole: 95 Thesen sind es, die Doktor Luther an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen hat! Thesen, das sind nicht "Prothesen", nicht Stift-Zähne oder Stützbeine, auch keine schönen Attrappen. Thesen sind auch nicht etwa Teesorten -, sondern Sätze, die das Leben in diesem Lande verändert haben.

B:     Das Leben verändert? Das klingt ja fast schon wie seinerzeit bei Oskar, dem Springbrunnen, genannt Lafontaine: Wirtschaft auf Pump! Wie soll das gehen? Ist das nicht nur ein Traum von euch Theologen?

A:     Ja, es war damals wie heute mit den Aktienkursen: Ungeheure Werte verfielen. Da hatte man teure Anlagen gekauft, Pfandbriefe und Wertobjekte für die Ewigkeit. Und dann war es nichts mehr damit. Der neue Markt brach zusammen.

B:     Wie meinst du, ein Markt brach zusammen? Hat Luther schon den Dow Jones gepredigt?

A:     So in etwa: Fürsten in Deutschland hatten sich eingedeckt mit Reliquien: zum Beispiel

Luthers Kurfürst Friedrich hatte schon 1509 genau 5005 Reliquien gesammelt. Das reichte für 1.100 Jahre Ablass. Die Konkurrenzsammlung des Kardinals Albrecht von Mainz brachte angeblich 39 Millionen Jahre weniger Fegefeuer - welch gewaltiges Kirchenkapital! Doch Friedrich musste seine Sammlung schließen.

B:     Ist das nicht ein bisschen schade um diese Schätze - wenn das alles nichts mehr zählt? Könnte man die Sachen nicht jetzt noch meistbietend versteigern? "Marienmilch" wäre auch vielleicht ein guter Name für einen Jogurt, findest du nicht?

A:     Darum geht es nicht, es geht um Luther, den Reformator. Er hatte ganz anderes im Sinn als Gewinnmaximierung. Er wollte keine Kirchen und Paläste bauen.

B:     Hatte er was gegen Geld und Güter? Hat er deswegen den Ablass bekämpft?

A:     Luther hat in seinen Thesen dem Papst vorgeworfen, er würde die Peterskirche in Rom "aus Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe" erbauen.

B:     (Das könnte einem den Kunstgenuss an der Schönheit dieses vatikanischen Baus wirklich verderben!)

A:     Und Luther fragte, weshalb der Papst nicht freiwillig die Seelen aus dem Fegefeuer holt, warum er dafür den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen muss.

B:     Das frage ich mich manchmal auch. Aber war denn der Ablass nicht doch etwas wert?

A:     Johannes Tetzel, der Ablassprediger aus Leipzig soll gesagt haben, Ablass könne einen von Strafe befreien, selbst wenn man die Mutter Gottes vergewaltigt hätte. Das hat er aber später abgestritten, jedenfalls für sein Auftreten in der Stadt Halle.

B:     Bei solchen Vorwürfen muss er schon ganz schön ärgerlich auf Luther gewesen sein!

A:     Ja, er hat gefordert, ihn binnen drei Wochen auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen.

B:     Dann würdet ihr Lutheraner jetzt am Lagerfeuer sitzen, oder?

A:     Nicht unbedingt. Verbrannt wurden nicht Luther und seine Thesen, sondern die Gegenthesen von Tetzel, 800 Exemplare, allein in Wittenberg, von Studenten. Luther hat später die Bannandrohungsbulle des Papstes ähnlich behandelt, übrigens vernünftigerweise nicht auf dem Marktplatz, sondern außerhalb der Stadt.

B:     Lieben Leute, da wurde ja ein richtiger Papierkrieg geführt! War das nicht Verschwendung?

A:     Das war nicht so schlimm. Der Buchdruck hatte es möglich gemacht, schnell große Mengen von Kopien zu erzeugen. Das hat vor allem auch Luther geholfen. Seine Thesen hat man schon Ende 1517 überall in Deutschland lesen können.

B:     Ich dachte, die wurden in Wittenberg an die Kirchentür genagelt! Sollte darüber nicht erst disputiert werden?

A:     Eigentlich ja. Leider ist zu der angesetzten Disputation niemand gekommen. Dafür war die Resonanz im ganzen Lande um so größer. Der berühmte Erasmus von Rotterdam hat die Thesen sogar [an Thomas Morus] nach England geschickt.

B:     Davon werden da heute noch die Kühe krank. Wie kommt man eigentlich darauf, den Tag der Reformation einen Tag vor Allerheiligen zu feiern? Ist das nicht lästerlich?

A:     Die Reformation begann damit, dass Luther seine Thesen verschickte, an diesem Tag, dem 31. Oktober, an Kardinal Albrecht von Mainz, unter dessen Namen der Ablass zugunsten des Petersdoms verkauft wurde.

B:     Ich weiß, der musste noch mal extra den Dispens bezahlen für seine Ämterhäufung. Das Geld hatte er sich von den Fuggern geliehen, und nun wollte er es durch Ablass wieder hereinholen. Der wird sich über Luthers Protestbrief nicht gerade gefreut haben. Stimmt es also gar nicht, das mit dem Thesenanschlag am 31. Oktober?

A:     Wahrscheinlich ist es zwei Wochen später gewesen.

B:     Zwei Wochen, in denen nichts passiert ist... Oder hat man so lange gebraucht, um die 95 Thesen zu lesen?

A:     Der Papst hat sich sowieso nicht auf Diskussionen eingelassen. Er suchte die Wahrheit nur bei sich selbst oder in den vatikanischen Archiven. Er meinte, er hat die Wahrheit schon gepachtet. Andere Meinungen sind zu ächten, wie im alten Rom. Nur, Luther konnte er nichts anhaben.

B:     Die Fürsten wollten das Geld ihrer Untertanen nicht per Seelen-Discount nach Italien wandern sehen. Sie haben Luther geschützt,

A:     und die Leute staunten, was einer gegen die mächtige Kirche ausrichten konnte. Luther als Lehrer an der Universität konnte so etwas starten.

B:     Was wollte Luther mit seinen 95 Thesen eigentlich an die Kirchentür nageln? War das wirklich originell?

A:     Na ja, so gaaanz originell vielleicht nicht. Ulrich von Huttens "Dunkelmännerbriefe" und die von ihm veröffentlichte Schrift über die Fälschung des Kirchenstaats haben Luther ermutigt.

B:     Sind dann die Evangelischen in Wahrheit "Dunkelmänner"?

A:     Das ist übertrieben. Tatsächlich aber steht Luther vielleicht mehr im Zusammenhang mit dem allgemeinen Fortschritt, als er es mit seiner reformatorischen Erkenntnis ahnte. Immerhin hätte er sie ohne die Druckerpresse nicht so wirksam verbreiten können.

B:     Hat er dann aber die Kirche nicht furchtbar beschnitten? Kein Papst mehr, keine Kardinäle, keine Klöster, keinen Zölibat, keine sieben Sakramente, keine Wallfahrten, keine Heiligen, keine Nebenaltäre, keine bezahlten Messen und so weiter.

A:     Ja, die Kirche sollte weniger äußerlich werden. Sie wurde geistiger, freier, persönlicher - und trotzdem diesseitiger.

B:     Stell dir vor, jemand käme heute und forderte: keine Millionengehälter für Manager mehr, keine Banken, keine Weltreisen, keine Popstars, sondern jedem seine eigene Firma - Ich-AGs! Was das für ein Umdenken gäbe! Daran könnten die Börsen weltweit zusammenbrechen.

A:     Du hoffst wohl auf ein kirchliches Betriebspraktikum für alle, die glaubwürdig auftreten wollen?

B:     Ja, ja: mehr Gauner auf die Kanzeln, Dialogpredigt mit Kontowäschern und Finanzjongleuren! So kommen wir aus dem Sumpf - nach beiden Seiten!

A:     Das könnte ich mir auch vorstellen, mit Luther: "Sündige tapfer, aber glaube noch mehr!" Wir müssten endlich uns selber wieder entdecken statt nur hinter dem Geld her durch die Welt zu jetten.

B:     Aber was ist mit dem Ablass? Den hat die Reformation doch so gut wie abgeschafft. Müsste er nicht wieder belebt werden? Jeder fünfte Haushalt bei uns ist überschuldet.

A:     Vielleicht sollte man ihn tatsächlich wieder einführen: Erlasse deinem Nächsten seine Schulden, und deine Seele wird heil! Ab 1.000 €: ein Monat Fegefeuer gespart - wenn das kein gutes Geschäft ist!

B:     Ab einer Million Schuldenerlass tausend Jahre weniger in der Vorhölle braten! Das könnte viele sanieren! Wenn ich da an die Entwicklungsländer denke ...

A:     Das ist vielleicht kein schlechtes elftes Gebot: "Du sollst Ablass gewähren!" So kämen sich auch die Kirchen wieder näher.

B:     Aber hat man den Luther damit nicht auf den Kopf gestellt?

A:     Vielleicht ja, vielleicht aber auch vom Kopf auf die Füße! Mit anderen [Hegel und Marx] hat man das ja auch gemacht.

B:     Jetzt sagst du als Nächstes: Im Kampf gegen den Terrorismus kann das ebenfalls helfen: Ein neuer Anfang, ohne Erpressung!

A:     Warum nicht? Luther war doch ziemlich tolerant. Er hat gesagt: "Lieber einen frommen Türken als einen bösen Christen!"

B:     Nun male nicht gleich den Teufel an die Wand! Bei so was muss man wie Luther mit einem Tintenfass schmeißen. Sollen wir denn alle Probleme auf der Welt mit der Reformation lösen?

A:     "Bleib in Form, werd reifer - mit Reformationseifer!" Irgendwo muss man ja ansetzen. Du kannst dir aussuchen, wen Luther mit seinen Thesen eigentlich an die Kirchentür nageln wollte: den Papst, den Teufel oder Jesus.

B:     Vielleicht wollte der Mönch Luther auch bloß das, was er gekriegt hat, einen Platz an der Nonne!

A:     Das Thema lassen wir lieber. Sonst meinen die Leute, wir sind gegen Gott und nur für Maria.

B:     Ja, und dann kommen die nach Hause und sagen: "außer Thesen nix gewesen!"

A:     Wir danken Ihnen für Ihr Interesse an unserem "Ökumenischen Reformationsspiel"!

Einige Gedanken sind dem Buch "Kleiner kabarettistischer Katechismus", hrsg. v. Günter Ruddat und Harald Schröter, Rheinbach 1998, entnommen, auf das hier dankbar und freundlich empfehlend hingewiesen wird.

 

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Reformationsspiel

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letzte Änderung: 02. Dezember 2011