gegründet 1918 in Wittenberg

12 Thesen zu Luthers Bedeutung für die Zukunft

  1. Luthers Theologie ist ökumenisch, weil sie sich allein durch Jesus Christus bestimmen lässt. Menschliche Traditionen müssen nicht zerstört werden, aber sie sind nicht kirchentrennend.
  2. Luthers Theologie ist kritisch, weil Christus als der Gekreuzigte im Mittelpunkt steht. Menschliche Institutionen, Weltbilder, Ordnungen kommen und gehen, der Glaube an die Auferstehung des Gekreuzigten hat das Sterben immer schon hinter sich.
  3. Luthers Theologie ist menschlich, weil der Mensch in ihr nicht nach seinen Leistungen oder Fehlleistungen beurteilt wird, sondern gerade seine Sünde im Lichte der göttlichen Barmherzigkeit vergebbar ist.
  4. Luthers Theologie ist modern, weil seine Lehre vom Wort den Zusammenbruch der klassischen Metaphysik schon hinter sich hat. Kants Kritik der reinen Vernunft, Naturwissenschaft, Psychoanalyse und Marxismus treffen diese Theologie nicht im Zentrum, weil sie erst damit beginnen, über das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit nachzudenken, Das war aber schon Luthers Ausgangsproblem. Er ist da viel weiter. Die Neuzeit fängt erst an, ihn einzuholen.
  5. Luthers Theologie ist erfahrungsbezogen, weil sie nicht abstakte Ideen von Gott an sich und dem Menschen an sich reflektiert, sondern weil sie immer vom Menschen in seinem Verhältnis zu Gott und von Gott in seinem Verhältnis zum Menschen redet. Und zwar vom realen, d. h. sündig gewordenen Menschen.
  6. Luthers Theologie ist radikal, weil sie nicht fragt nach dem Sein Gottes, sondern danach, ob er mir gnädig ist. Das heißt, seine Theologie ist existentiell und nicht spekulativ. Dieser existentielle Ansatz ist zugleich moderner, weil er radikaler ist.
  7. Luthers Theologie ist biblisch, weil sie aus dem Bibelstudium herkommt und zu ihm hinführt. Und zwar nicht zum Buchstaben der Bibel sondern zu Jesus Christus, ihrem Zentrum.
  8. Luthers Theologie ist postpatriarchalisch und postfeministisch, weil der Mensch nicht aus seinem Verhältnis zu seiner Natur, sondern aus seiner Beziehung zu Gott definiert wird. Damit wird seine biologische und seine geschichtlich-gesellschaftliche Konstitution gerade transzendiert.
  9. Luthers Theologie ist sozial, weil sowohl in der Lehre von den beiden Reichen, als auch in der Lehre vom Verhältnis des Gesetzes zum Evangelium das gesellschaftlichpolitische Handeln als Eintreten für Recht und Gerechtigkeit im Auftrag Gottes verstanden wird. Die Obrigkeit wird nicht vertreten durch die jeweils Herrschenden, sondern durch die Instanz, die für Frieden und Gerechtigkeit eintritt. Das Gesetz ist nicht willkürlicher Niederschlag herrschender Gruppeninteressen, sondern im Kern das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe.
  10. Luthers Theologie ist verständlich, weil sie etwa im Kleinen Katechismus oder auch in seinen Chorälen vollständig und volkstümlich zusammengefasst ist. Sie hat dem Konfirmanden und dem Professor etwas zu sagen.
  11. Luthers Theologie hat Zukunft, denn sie ist gänzlich auf die Verheißung Gottes gegründet. Sie wird nicht durch Menschen realisiert, sondern bewahrheitet sich im Kommen Gottes selbst.
  12. Luthers Theologie ist nicht Luthers Theologie, sondern einzig und allein Christuszeugnis. Trotz aller Fehler und Schwächen des Menschen Luther wird er prägend bleiben als der, der nicht sich selbst, sondern den lebendigen Gott bezeugt hat.

Bischof Dr. Hans Christian Knuth
Schleswig

letzte Änderung: 02. Dezember 2011